Bautechnikgeschichtliche Bedeutung II
Experimentalbau mit schweizweit präzedenzlosem visionären
Wärmedämmsystem
Trotz sehr ähnlicher äusserer Erscheinung unterscheiden sich die beiden Zwillingshäuser konstruktiv grundlegend. Georg Lasius, Professor für Baukonstruktionslehre am Eidgenössischen Polytechnikum (spätere ETH) und Vorsteher der dortigen Bauschule, nutzte sein eigenes Wohnhaus gezielt als Experimentierfeld für neueste bautechnische Konzepte. Der möglichen Risiken eingedenk, plante er das Haus seines Professorenkollegen Kraemer deutlich konventioneller.
Sein eigenes Haus stattete Lasius mit damals fortschrittlichster Haustechnik aus: einem Bad mit fliessendem Wasser und Abwasseranschluss, einem Wasser-Closet sowie einer Warmluftzentralheizung. Bei genauem Hinsehen lässt sich der Unterschied zum Haus seines Kollegen auf einer Aufnahme von 1886 ablesen. Während Lasius’ Haus mit einem Kamin für die zentrale Feuerungsanlage und einem weiteren für die Küche auskam, verfügte das Haus von Professor Kraemer über zahlreiche Einzelöfen, sichtbar an der Vielzahl der Kamine.
Besonders bemerkenswert ist das zweischalige Backstein-Wärmedämmsystem mit integrierter Luftschicht – nach Einschätzung der Gutachter der ETH Zürich eine für die Schweiz präzedenzlose Konstruktion. Lasius griff damit konstruktive Ansätze aus Deutschland auf und entwickelte sie weiter.
Drei Jahre lang dokumentierte er systematisch Betrieb und Leistungsfähigkeit seiner Warmluftzentralheizung. Er bat gar Wissenschaftlerkollegen, die chemische Zusammensetzung der Abgase zu messen. 1879 veröffentlichte er unter dem Titel «Warmluftheizung mit continuirlicher Feuerung» einen sieben Seiten umfassenden Beitrag in der Zeitschrift Die Eisenbahn. 1880 erschien der Aufsatz erneut in den Technischen Mitteilungen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA).
Bereits 1879 – fast ein Jahrhundert vor der Ölkrise – formulierte Lasius in seinem Beitrag weitsichtig:
«Es ist aber gewiss richtiger, ein etwas grösseres Baucapital für besser construirte Wände und Zimmerverschlüsse aufzuwenden, um in der täglich wiederkehrenden Ausgabe für Heizung zu sparen, als umgekehrt. Ja, wenn nur die nöthige Einsicht und das Verständniss im Publikum dafür vorhanden wäre, müsste es sich selbst bei Speculationsbauten lohnen, so zu handeln, wo es sonst begreiflich nicht geschehen wird.»
Zur konstruktiven Umsetzung in seinem eigenen Wohn- und Experimentalbau hielt er fest:
«Vom Sockel an ist der Bau in Ziegel und zwar in Lochsteinen aufgeführt, und hat die Aussenwand ringsum bis unter Dach einen Hohlraum von 6 cm Licht im Inneren, so dass die Wand im Erdgeschoss 1 Stein von 24 cm, dann Luftschicht 6 cm, dann ½ Stein 12 cm, im Ganzen 42 cm Stärke, im Obergeschoss […] 30 cm Stärke hat. […] Die Wände sind genügend solid, mauern sich leicht und schützen durch die eingeschlossene, ruhende Luftschicht vortrefflich gegen Wärme wie Kälte.»
Die Konstruktionsweise dieses Wärmedämmsystems veranschaulichte Lasius in seinen Publikationen von 1879 und 1880 mit Skizzen.
Bemerkenswert ist: Das vor rund 150 Jahren konzipierte und realisierte System funktioniert bis heute ausgezeichnet – wie aktuelle Wärmebildaufnahmen belegen. Lasius darf daher als Visionär in Fragen der energetischen Optimierung der Gebäudehülle gelten.
Das dritte Gebäude des Ensembles, das 1885 errichtete Maleratelier für seinen Freund Arnold Böcklin, versah Lasius übrigens mit einer angepassten Variante seiner Warmluftzentralheizung. Die erwärmte Luft wurde unter die Fussbodendielen geführt und stieg durch die Fugen in den Raum auf. Obwohl die Anlage die grossvolumigen Atelierräume mit ihren hohen Decken zuverlässig rund um die Uhr temperierte, legte Böcklin sie aus Sparsamkeit später still und ersetzte sie durch einen kleinen Ofen. Der Biograf Adolf Frey berichtet, dass Böcklin – trotz seines wachsenden Erfolgs und grossen Ansehen – fortan im Winter in seinem Atelier fror.