Architekturgeschichtliche Bedeutung
Verblüffend moderne Häuser eines der einflussreichsten Zürcher
Architekten des 19. Jahrhunderts, die sich deutlich von anderen Bauten
des Semper-Schülers Lasius unterscheiden
Die Professorenhäuser und das Ateliergebäude nehmen im Werk von Georg Lasius eine besondere Stellung ein. Lange Zeit wurde Lasius vor allem als Schüler Gottfried Sempers und als Fortsetzer der Semper-Schule bis in die Moderne hinein betrachtet. Diese Einordnung greift jedoch zu kurz.
Zwar sind seine beiden ersten Zürcher Bauten – das Gesellschaftshaus «Zum Schneggen» am Limmatquai und das Bankgebäude an der Bahnhofstrasse – mit ihren Neurenaissance-Fassaden exemplarische Werke der Semper-Schule. Die Professorenhäuser und das Ateliergebäude hingegen zeugen von einer deutlich rationalistischeren Architekturauffassung. In mancher Hinsicht nimmt Lasius hier bereits Entwicklungen vorweg, die später für die Moderne prägend werden sollten.
So überrascht es nicht, dass die Professorenhäuser mit ihren schlichten Fassaden in Medienberichten zur zeitweisen Hausbesetzung im Jahr 2016 irrtümlich den 1920er-Jahren zugeschrieben wurden – obwohl sie bereits 1876 entstanden.
Das schlichte, moderne Erscheinungsbild ist keineswegs das Resultat späterer Eingriffe, sondern war von Beginn an intendiert. Dies belegen die bis heute erhaltenen Originalpläne im gta-Archiv der ETH sowie im Stadtarchiv, ebenso wie eine Fotografie der Zwillingshäuser, die 1886 von Robert Breitinger aufgenommen wurde. Besonders bemerkenswert ist der weitgehende Verzicht auf Fassadenornamente, die im Historismus eigentlich üblich waren. Stattdessen prägen zurückhaltend profilierte Natursteinrahmungen der Fenster sowie für die Zeit ungewöhnlich moderne Details – etwa Lamellen-Aussen-Jalousien als Sonnenschutz – das Erscheinungsbild.
Ein Artikel in der NZZ vom 1. November 1927, der sich mit einem späten Gedicht Gottfried Kellers anlässlich des 60. Geburtstags seines engen Freundes Arnold Böcklin befasst, erwähnt, dass die Gebäude von Lasius und Kraemer als «Professorenhäuser» bekannt waren. Sie seien «durch ihre eigenartige Bauart damals […] allgemein bestaunt und bekrittelt worden». Aus zeitgenössischer Sicht handelte es sich somit zweifellos um avantgardistische Bauten. Mit den Entwürfen an der Freiestrasse war Lasius seiner Zeit sowohl konstruktiv als auch gestalterisch weit voraus.
Entgegen früherer kunsthistorischer Annahmen war Lasius zudem keineswegs auf eine bestimmte Stilrichtung festgelegt. Diese wichtige Erkenntnis wurde bereits 2006 von Katia Frey in ihrem Beitrag Das Haus und der Garten des Architekten Georg Lasius in Zürich (1876) in: Stadtlandschaften. Schweizer Gartenkunst im Zeitalter der Industrialisierung. Offizin-Verlag, Zürich 2006, S. 110-116 sowie von Martin Tschanz in seinem Buch Die Bauschule am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich – Architekturlehre zur Zeit von Gottfried Semper (1855–1871). gta Verlag, Zürich 2015 auf S. 130 hervorgehoben. Die Professorenhäuser und das Ateliergebäude liefern dafür eindrückliche Belege.
Besonders auffällig ist das Flachdach des Ateliergebäudes von 1885 – eine Dachform, die später zu einem zentralen Merkmal der Moderne und des Bauhauses wurde. Zeitgleich mit dem Atelierbau realisierte Lasius auch das Chemiegebäude der ETH (1883–1886) mit einer entsprechenden Flachdachkonstruktion. Bereits zuvor hatte er über das sogenannte Holz-Cement-Dach – eine Innovation aus Schlesien – in der Fachzeitschrift Die Eisenbahn berichtet.
Die gewählte Dachform erfüllte dabei nicht nur konstruktive, sondern auch funktionale Anforderungen: Sie gewährleistete insbesondere vom Haus Marienhöhe aus weiterhin eine freie Aussicht. Arnold Böcklin hatte Lasius sehr konkrete Vorgaben für die räumlichen Dimensionen seines Ateliers gemacht. Neben der Malerei verfolgte Böcklin mit grosser Leidenschaft ein weiteres Interesse: die Idee des Fliegens. Überzeugt davon, dass Menschen eines Tages Flugmaschinen nutzen würden, studierte er intensiv den Vogelflug, erkannte die Bedeutung der Flügelkrümmung für den Auftrieb und entwickelte eigene Fluggeräte. Ein Test eines solchen Apparats im Vatikan in Rom führte sogar zu einem Haftbefehl durch die Heilige Römische Inquisition und zwang Böcklin zur Flucht. Es ist gut möglich, dass ihn der von Lasius vorgeschlagene Atelierstandort auf einem leicht abschüssigen, offenen Gelände besonders dazu inspirierte, seine Experimente fortsetzen zu wollen. Dies könnte auch erklären, warum er einen ungewöhnlich grossen und hohen Atelierraum verlangte, der für die Herstellung vergleichsweise kleinformatiger Gemälde überdimensioniert erscheint.
Eine klassische Dachkonstruktion hätte das Gebäude deutlich erhöht und die Aussicht der Professorenhäuser beeinträchtigt. Die innovative Flachdachlösung erwies sich somit als überzeugende Antwort auf die Anforderungen dieser Bauaufgabe.